#DissFreiTag: Die rote Laterne - mein Dissertations-Dilemma
Als ich 2001 mein Kunstgeschichte-Studium beendete, hatte ich mit 13 Semestern zwar nicht gerade in Rekordzeit studiert. Aber ich hatte vieles ausprobiert: Fächerkombinationen, Jobs, Praktika und ich wusste ziemlich genau, was ich wollte: den Doktortitel machen, in meinem Fach arbeiten, aber auf überhaupt gar keinen Fall an der Uni. Anfang der Nullerjahre war die erste studentische Demo-Welle gegen den Bologna-Prozeß gerade ausgelaufen und den Absolventen wurde deutlich signalisiert: um einen der unbefristeten Arbeitsplätze zu erhaschen, sollte man sich als Aspirant den bescheidenen Bedingungen bis zur Habilitation klaglos unterwerfen.

Interessanterweise bot sich im letzten Semester ein Hauptseminar im Rahmen einer Ausstellung. Kunstgeschichte im Museum, eher methodisch und „praxisbezogen“ am Kunstwerk ausgeübt – eine Möglichkeit, die ich während des Studiums immer geliebt habe. Ich nahm also teil und in der Folge ergab es sich, dass meine Bewerbung um einen (den einzigen) Volontariatsplatz dort angenommen wurde. Nur wie sollte ich meine Dissertation in einem Vollzeitjob unterbringen? Dass wissenschaftliche Volontariate auch Freiraum zum selbstständigen Forschen lassen sollten, ist eine andere Geschichte. Irgendwie würde es gehen und in der Folge habe ich das erste Jahr damit verbracht, in meiner Freizeit ein Exposé für die Promotionskommission zurecht zu schustern. Mein Doktorvater hat es dann mit einer Menge gutem Willen akzeptiert. Aber es hatte im Vorfeld alternative Themenvorschläge und die explizierte Warnung gegeben, ich solle mir ein anderes Thema suchen, das sei etwas für „Kenner“. Die Zweifler sollten Recht behalten. Statt dass ich mit der Zeit mein Forschungsvorhaben immer exakter beschreiben konnte, taten sich immer weitere Fragen auf, mussten immer mehr Berge von Literatur durchgeackert werden. Nirgendwo auch nur ein Anhaltspunkt. Es war zum Verzweifeln. Das Rennen, das ich glaubte von vorne gewinnen zu können entpuppte sich als eine elend lange Rundfahrt in mehreren Etappen und ich wurde an den letzten Platz durchgereicht. Oder ließ ich mich selbst zurückfallen? Manchmal hatte ich einfach genug, vor allem, wenn ich mal wieder schräge Blicke geerntet hatte, bei dem Versuch, mit meinem undefinierbaren Thema ins Gespräch zu kommen. Ich hatte mich unfreiwillig in eine sehr isolierte Position manövriert, in der ich mich zeitweise nur noch vom Versorgungsfahrzeug mitschleifen ließ. Mein berufliches Netzwerk unterstützte mich, indem ich in anderen Projekte mitarbeiten konnte, meine Doktorarbeit wurde aber immer mehr zu einem Elefanten im Raum, den alle sahen, über den aber niemand sprechen wollte. Schließlich war ich nicht nur beratungsresistent, meine Ideen konnte (oder wollte) sich mit der Zeit keiner mehr anhören.

Meiner Sturheit habe ich es also zu verdanken, dass ich immer noch dabei bin, meinen informellen Netzwerken und meiner Neugier, dass ich mein Thema irgendwann in den Griff gekriegt habe. Das Rennen von hinten aufrollen wird mir allerdings nicht gelingen - dafür ist zuviel Zeit vergangen. Aber das Arbeitsfeld „Museum“ will ich bislang nicht aufgeben, diese Sache kann ich nicht ruhen lassen. Ich werde das Rennen zu Ende fahren, auch wenn ich die rote Laterne trage.

[#DissFreiTag heisst: einmal in der Woche fasse ich Gedanken zu meinem Dissertationsprojekt zusammen, dokumentiere meinen Fortschritt und vernetze mich. Der Hashtag geht auf Stephanie Braun (@ToMDiss) zurück, sie bloggt unter https://tom.hypotheses.org.]