Freitag, 26. August 2016
#DissFreiTag: Die rote Laterne - mein Dissertations-Dilemma
Als ich 2001 mein Kunstgeschichte-Studium beendete, hatte ich mit 13 Semestern zwar nicht gerade in Rekordzeit studiert. Aber ich hatte vieles ausprobiert: Fächerkombinationen, Jobs, Praktika und ich wusste ziemlich genau, was ich wollte: den Doktortitel machen, in meinem Fach arbeiten, aber auf überhaupt gar keinen Fall an der Uni. Anfang der Nullerjahre war die erste studentische Demo-Welle gegen den Bologna-Prozeß gerade ausgelaufen und den Absolventen wurde deutlich signalisiert: um einen der unbefristeten Arbeitsplätze zu erhaschen, sollte man sich als Aspirant den bescheidenen Bedingungen bis zur Habilitation klaglos unterwerfen.

Interessanterweise bot sich im letzten Semester ein Hauptseminar im Rahmen einer Ausstellung. Kunstgeschichte im Museum, eher methodisch und „praxisbezogen“ am Kunstwerk ausgeübt – eine Möglichkeit, die ich während des Studiums immer geliebt habe. Ich nahm also teil und in der Folge ergab es sich, dass meine Bewerbung um einen (den einzigen) Volontariatsplatz dort angenommen wurde. Nur wie sollte ich meine Dissertation in einem Vollzeitjob unterbringen? Dass wissenschaftliche Volontariate auch Freiraum zum selbstständigen Forschen lassen sollten, ist eine andere Geschichte. Irgendwie würde es gehen und in der Folge habe ich das erste Jahr damit verbracht, in meiner Freizeit ein Exposé für die Promotionskommission zurecht zu schustern. Mein Doktorvater hat es dann mit einer Menge gutem Willen akzeptiert. Aber es hatte im Vorfeld alternative Themenvorschläge und die explizierte Warnung gegeben, ich solle mir ein anderes Thema suchen, das sei etwas für „Kenner“. Die Zweifler sollten Recht behalten. Statt dass ich mit der Zeit mein Forschungsvorhaben immer exakter beschreiben konnte, taten sich immer weitere Fragen auf, mussten immer mehr Berge von Literatur durchgeackert werden. Nirgendwo auch nur ein Anhaltspunkt. Es war zum Verzweifeln. Das Rennen, das ich glaubte von vorne gewinnen zu können entpuppte sich als eine elend lange Rundfahrt in mehreren Etappen und ich wurde an den letzten Platz durchgereicht. Oder ließ ich mich selbst zurückfallen? Manchmal hatte ich einfach genug, vor allem, wenn ich mal wieder schräge Blicke geerntet hatte, bei dem Versuch, mit meinem undefinierbaren Thema ins Gespräch zu kommen. Ich hatte mich unfreiwillig in eine sehr isolierte Position manövriert, in der ich mich zeitweise nur noch vom Versorgungsfahrzeug mitschleifen ließ. Mein berufliches Netzwerk unterstützte mich, indem ich in anderen Projekte mitarbeiten konnte, meine Doktorarbeit wurde aber immer mehr zu einem Elefanten im Raum, den alle sahen, über den aber niemand sprechen wollte. Schließlich war ich nicht nur beratungsresistent, meine Ideen konnte (oder wollte) sich mit der Zeit keiner mehr anhören.

Meiner Sturheit habe ich es also zu verdanken, dass ich immer noch dabei bin, meinen informellen Netzwerken und meiner Neugier, dass ich mein Thema irgendwann in den Griff gekriegt habe. Das Rennen von hinten aufrollen wird mir allerdings nicht gelingen - dafür ist zuviel Zeit vergangen. Aber das Arbeitsfeld „Museum“ will ich bislang nicht aufgeben, diese Sache kann ich nicht ruhen lassen. Ich werde das Rennen zu Ende fahren, auch wenn ich die rote Laterne trage.

[#DissFreiTag heisst: einmal in der Woche fasse ich Gedanken zu meinem Dissertationsprojekt zusammen, dokumentiere meinen Fortschritt und vernetze mich. Der Hashtag geht auf Stephanie Braun (@ToMDiss) zurück, sie bloggt unter https://tom.hypotheses.org.]


Freitag, 12. August 2016
#DissFreiTag: Winckelmann, Goodman
In Bezug auf den Korrekturfortschritt am Text verlief die letzte Woche wenig produktiv. Dafür habe ich auf der Theorieseite zwei Texte ergänzend gelesen. Zum einen Johann Joachim Winckelmann, „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst“ (1756), zum anderen Nelson Goodman, „Sprachen der Kunst“ (2004). Beide thematisieren das Problem der Authentizität in der künstlerischen Praxis, d. h. in der Entstehung von Kunst beziehungsweise in deren Wahrnehmung.

Winckelmann verhandelt das Problem der Erzeugung eines künstlerischen Stils, der sowohl einem klassizistischen Ideal als auch der Forderung nach Originalität entsprechen soll, was sich in einer Diskussion um die „Nachahmung antiker Vorbilder“ vs. „Nachahmung von Natur“ widerspiegelt. Zugleich gilt seine Schrift als der Beginn der Anerkennung verschiedener künstlerischer Stile und damit der Relativierung der Norm antiker Vorbilder, begründet durch die unterschiedliche kulturhistorische Einflüsse. Eine künstlerische Verarbeitung einzelner schöner natürlicher Phänomene, beschreibt Winckelmann als das Anfertigen einer Kopie, die aber nicht den Weg hin zu einem authentischen individuellen künstlerischen Stil weist. (Winckelmann 1756, S.13-14)
Wichtig erscheint mir, dass Winckelmann dem Begriff der „Nachahmung“ eine amibivalente Bedeutung verleiht. Das Kopieren von Kunst ist bei Winckelmann nur deshalb ein zulässiges künstlerisches Verfahren, weil es der künstlerischen Ausbildung und zur Entwicklung der eigenen künstlerischen Handschrift genutzt wird.

Goodman diskutiert die Authentizität von Kunstwerken dagegen vor dem Hintergrund seiner Überlegungen zum Repräsentationscharakter von Kunst. Die Frage, ob eine eine Fälschung den gleichen Repräsentationswert wie ein Original besitzt, führt Goodman zunächst zu der Unterscheidung autographer (bildende Kunst) und allographer Kunst (Musik, Literatur), d. h. Kunst, deren Authentizität aufgrund von Text oder Partitur in jeder Aufführung erkannt wird. Werke der bildenden Kunst, die durch Techniken der Vervielfältigung entstehen, wie Druckgrafiken oder Bronzestatuetten, nehmen in der Anerkennung von Authentizität nach Goodman eine Zwischenstellung ein. Druckplatte oder Form nehmen eine vergleichbare Rolle wie die Partitur des Musikstücks ein, allerdings eingeschränkt auf eine bestimmte historische Situation. Zudem muss die Echtheit der Druckplatte (oder Gußform) bestätigt werden, die Begründung der Echtheit eines autographen Kunstwerks verschiebt sich also auf ein bestimmtes Stadium im Herstellungsprozeß. Man könnte auch sagen: es gibt zwei Kunstwerke: das Modell und den Abguss. Goodman findet hier in der Skizze einen gemeinsamen Nenner, den er als „Notation“ des Kunstwerks untersucht. Für die Untersuchung der Forschungsgeschichte italienischer Bronzestatuetten der Renaissance stellen Goodmans Überlegungen zur Zuschreibung der Echtheit an Kunstwerke eine bedeutsame Theorie dar. Goodmann erfasste den Doppelcharakter der Statuetten als autograph/allograph, doch sein semiotisches Modell der Erzeugung von Authentizität trennt meinem Eindruck nach zu wenig zwischen Produzent und Rezipient. Goodmans Konzentration auf den Repräsentationscharakter von Kunst schließt von vorneherein die Möglichkeit aus, dass Kunstbetrachtung gleichzeitig performativ sein kann (also ähnlich wie ein Musikstück – ich denke da v. a. an Werke der Fluxusbewegung oder an Erwin Wurms „One Minute Sculptures“). In der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts gibt es diese Möglichkeit, sie äußert sich manchmal sprachlich in einem „Nachschaffen“ des Kunstwerks durch Beschreibung. (vgl. Joseph Imorde, Michelangelo deutsch!, 2009, S. 179ff.)


Montag, 8. August 2016
Knabenliebe auf der Akropolis?
Führen in der Ausstellung „Athen – Triumph der Bilder“
Ausstellung und Präsentation
Seit Mai führe ich durch die Ausstellung „Athen – Triumph der Bilder“ im Liebieghaus. Die Ausstellung beschäftigt sich mit der Funktion von Kulten und Bildern als Träger historischer Erinnerung und Mittel zur Stiftung kultureller Identität in der Zeit des antiken Stadtstaats Athen während des 5. Jhd. v. Chr.
Ausgestellt sind Skulpturen (auch Abgüsse), Kleinplastiken, Vasen und Architekturmodelle. Diese werden durch Wandtexte, –illustrationen sowie animierten Projektionen ergänzt. Die Besucher können sich darüber hinaus in der Ausstellung mit Hilfe des Katalogs und des Digitorials informieren sowie einen Audioguide ausleihen oder eben eine Führung besuchen.
Welches Ziel haben meine Führungen? Unter welchen Bedingungen finden Führungen statt?
Während einer Führung sollen die Besucher in 60 Minuten die Highlights sowie einen Großteil der 12 Ausstellungsräume sehen. Idealerweise fühlt sich der Besucher nach der Führung über das Kernthema der Ausstellung sowie über den historischen, kunst- und kulturgeschichtlichen Kontext der gezeigten Werke gut informiert.
Leider bleiben dabei Vermittlungstechniken, die eine Besucherpartizipation erlauben, aussen vor. Das Ziel, bestimmte Werke und Informationen zu vermitteln, Gruppengrößen zwischen 15 und 25 Besuchern sowie gleichzeitig stattfindende Führungen zu manchen Zeiten erfordern die Verwendung eines so genanntes Echo-Systems - die Besucher hören meine Worte über Kopfhörer - und die stetige Fortbewegung einer Gruppe durch die Ausstellungsräume.
Kommunikation archäologischer Forschungsergebnisse - aber welcher?
Die Ausstellung entstand auf Basis aktueller Forschungen zur Architektur und Bauskulptur des Parthenon sowie allgemein zur Bebauung und Skupturen auf der Akropolis nach 450 v. Chr. (also nach dem Friedensschluss mit den Persern). Der Cella-Fries des Parthenon zeigt szenisch Kulthandlungen der wichtigsten Feste im antiken Athen sodass die Ausstellung den athenischen Kalender mit seinen verschiedenen religiösen Feiern vorstellt. Die Götterfeste sind vor allem Athena, aber auch Poseidon, Apollon, Dionysos und anderen Göttern gewidmet. Der Mythos sowie Bilder und Skulpturen erinnern darüber hinaus an Erechtheus, den Ziehsohn der Athena und den ersten König Athens.
Weiterhin sind die Orte einiger Kulte oder bestimmte Opferhandlungen mit historischen Ereignissen während der Perserkriege verbunden – Kult, Mythos und bildliche Darstellungen dienen also dazu, die kulturelle Identität zu festigen und das Gedenken an historische Ereignisse wach zu halten.

Neben den neuesten Forschungen wird das Ausstellungsthema zudem von anderen archäologischen Themen flankiert. Dazu zählen unter anderem das Werk des Bildhauers Phidias, dem die Mehrheit der (Bau)Skulpturen auf der Akropolis zugeschrieben wird. Weitere Themen sind die Vasenmalerei des 5. Jahrhunderts v. Chr. sowie Religions-und Kulturgeschichte im antiken Griechenland. Einige der gezeigten Exponate, wie beispielsweise die Aphrodite Brazza oder die Vasen haben darüber hinaus eine ganz eigene Forschungs- und Interpretationsgeschichte. Diese spielt im Kontext der Ausstellung keine Rolle, muss jedoch für die Konzeption der Führung mitbedacht werden. (also: wenn ich das Werk vorstelle, gehe ich auf die verschiedenen Forschungsmeinungen ein? Oder lieber nicht? Aus Zeitgründen verzichte ich darauf.)
Entwicklung meines Konzepts
Zur Vorbereitung führte der Kurator vor Eröffnung die Kunstvermittler des Ausstellungsteams durch die Ausstellung. Zudem stellte die Abteilung Bildung und Vermittlung den Katalog und weitere Materialien wie beispielsweise die Texte des Audioguide, Wandtexte oder Raumpläne zur Verfügung. Dies war sehr hilfreich, um die verschiedenen Bedeutungsebenen der Ausstellung besser zu fassen.

Viele Besucher kommen in die Ausstellung, weil ein Interesse an der antiken Kultur (Stichwort: Knabenliebe), an Athen als Reiseziel, an antiker Geschichte und Mythologie besteht. Aus diesen Gründen habe ich meine Führung als eine „Zeitreise“ in das 5. Jahrhundert angelegt, die es mir erlaubt, diese Menge unterschiedlichen Informationen und Medien zu ordnen und zu präsentieren.

Mein „Storytelling“ (wenn man es so nennen darf) schließt drei Ebenen ein:

1. Die Akropolis
Perserkriege, Gründung des Attisch-Delischen Seebundes, Perserfrieden 450 v. Chr., Perikleische Kulturpolitik: alles konzentrierte sich in der Baukampagne auf der Akropolis. Hier zeige ich die Modelle und Karten der Akropolis sowie die Abgüsse der Parthenon-Giebelskulpturen. Diese befinden sich in einem Ausstellungsraum, der sich sein Design deutlich von den anderen Kabinetten unterscheidet.

Nach dieser Einführung geht es los: wir tauchen ein in den Ablauf des Jahres in Athen anhand des Kalenders. Das Design der Ausstellungsräume zeigt an der Wand jeweils ein Fragment vom Cella-Fries des Parthenon als Abguss sowie ein Kalenderblatt des entsprechenden Monats, das die Götterfeste aufführt.
Punkt 1) lässt sich allerdings auch an den Schluss verschieben, falls beispielsweise mehrere Gruppen in der Ausstellung unterwegs sind.

2. Die Jahreszeiten
Meine zweite Erzählebene beschäftigt sich mit den Festen im Jahreslauf. Diese ergeben sich aus Realien, wie Klima/Meteorologie, Astronomie (vor allem Sommer- und Wintersonnenwende) und daraus folgend der Landwirtschaft in Athen. Mit diesen verbinde ich die Realitäten der athenischen Gesellschaft - also Geschlechterverhältnisse; die Rechte der Athener, der Metöken, der Sklaven; Ereignisse, wie Geburten, Hochzeiten, Symposion.

Um diese Realien zu verdeutlichen beziehe ich während der Führung auch Wandtexte und –illustrationen mit ein. Die Anstrengung, die eine Schiffsprozession von Athen nach Kap Sunion mit den griechischen Trieren darstellte, vermittelt sich anschaulicher, wenn eine Darstellung der Schiffe von einer Illustration der Karte begleitet wird.

3. Die Götter und ihre Attribute
Die Mythen, die Athena, Hephaistos, Poseidon und Erechtheus eine Rolle spielen, bilden in meiner Führung den Kern meiner Erzählung. Von der Beschreibung der Feste (wer nimmt daran teil, wie laufen sie vermutlich ab) leite ich über zu den Handlungen und Attributen der Athena und der anderen Götter. So wird deutlich auf welche Weise diese mit der Identitätsbildung der Kultteilnehmer beitragen. Die Bilder und Skulpturen zeugen davon, wie die antiken Mythen als ein Instrument der historischen wie politischen Selbstvergewisserung und Erinnerung eingesetzt wurden.

Die Ausstellung „Athen – Triumph der Bilder“ ist noch bis zum 4. September 2016 in der Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main zu sehen. Weitere Informationen sowie das Digitorial zur Ausstellung finden sich auf der Webseite der Liebieghaus Skupturensammlung.